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Vom Tanz der Berge / From the dance of the mountains

02.06.2015 Suusamir / Kirgistan / N42°10’38.2“ E073°58’19.8“

Ein Wolf im Käfig. Gefangen, um im September einen warmen Winterpelz für die Frau des Hauses zu liefern. Das Paket ist quasi schon angekommen. Ausgepackt wird erst, wenn das Winterfell gewachsen ist. Ein wenig wie die Geschichte von Hänsel mit dem Stöckchen. Was wird wohl der Wolf aus dem Käfig halten? Ein Bündel Heu vielleicht? Die Schafe und Ziegen laufen unbeschwert um ihn herum. Eine Idee drängt sich mir auf. Sollen sie lernen, keine Angst zu haben? Angst engt ein. Enge. Ein Gefühl welches so ganz und gar nicht in dieses Land passen will. Atem, der bis zum Bauchnabel reicht. Luft, die das Reinheitsgebot auf ihre Art interpretiert. Wir sitzen im Hof der Bauern. Eierkuchen mit himbeerroter Himbeermarmelade und aprikosengelber Aprikosenkonfitüre genüsslich verspeisend. Wir fragen uns. Sind wir inzwischen so einfach zu beeindrucken oder tatsächlich in Nachbarschaft des Paradieses zu Besuch? Weiß wie der Schnee der nahen Gipfel. Blau wie das Zelt, vom Himmel gespannt. Der Anstrich aller Wände. Das Haus strahlt Fröhlichkeit aus. Die junge Familie ist mutig. Sie hat eine kleine Pension eröffnet und hofft auf Gäste, auf ihrem Weg zum Song-Kul Lake.
Für unsere kleine Dreiergruppe geht es weiter. Neunhundert Gebirgserhebungen kann Kirgistan in seinem Inneren zählen. Das Land ist zerklüftet und geprägt von vier- bis sieben-tausend Meter hohen Bergen. EINE Straße führt von Bishkek zum Issyk-Kul Lake. Eine Weitere von Osh nach Bishkek. Alles andere, was an Wegen durchs Land führt, sind mehr oder weniger ausgebaute Pisten. Der Weg den wir ursprünglich vor hatten zu fahren ist durch abgestürzter Lawinen des letzten Winters noch immer unpassierbar. Die Menschen leben in ihren Tälern. Der Weg über einen Pass ins nächste Tal ist gefühlt unendlich weit. Warum sollen sie ihn auch gehen? Haben sie doch alles was sie zum Leben brauchen um sich herum. Die Tiere, das Land, ihre Jurte, das Haus. Sechs Monate lang hat hier der Winter das Sagen. Sprechen die Menschen das Wort „Winter“ aus, schwingt im selben Moment der Fakt von bis zu Minus Vierzig Grad Kälte mit. Ich finde es unglaublich. Wie versorgen sie bei diesen Temperaturen ihre Tiere? Schnee fällt meist nicht so viel, oft nur bis zu einem Meter.
Ab Mai zeigt sich das Grün. Mir leuchtet mit einem Mal ein, warum wir die Landschaft als so unglaublich schön empfinden. Es steckt das Besondere, nicht Alltägliche mit darin. Die warmen Tage sind gezählt. Die Lebenslust schwillt proportional mit der wärmenden Sonneneinstrahlung an. Ich spüre diesen frischen Lebensquell mit jedem Augenaufschlag. Landschaftsbilder tauchen vor uns auf, die uns die Münder offen stehen lassen. Wenn von den schönsten Wegen der Welt gesprochen wird und Kirgistan in diesem Atemzug keine Erwähnung findet, so kann derjenige unmöglich jemals hier gewesen sein. Wir verfahren uns. Doch Umwege vergrößern hier eindeutig die Ortskenntnis und führen uns zu Stellen, deren Schönheit mit bloßen Worten kaum zu beschreiben ist. Ich kann das Sehen nur mit meinem Empfinden beschreiben. Die steil abfallenden Felswände machen meinen Atem stockend. Die Flussläufe lassen mich innerlich entspannen. Das Zusammenspiel von Bergen aus Stein und Geröll, den seichten Wiesen und dem kraftvoll durchs Tal rauschenden Wasser gleicht einer Komposition der freiesten Geister. Dann wieder liegen die Hänge vor uns ausgebreitet als beginnen sie in der nächsten Sekunde zu tanzen. Als zuckten die Gliedmaßen der Berge bereits unter den grünen Seidentüchern, die ihre Kontur abzeichnen, doch ihr eigentliches Wesen noch spannungsreich verbergen. Es klingt kitschig, übertrieben und schwärmerisch. Doch ich kann nicht anders als es so zu sagen. Diese, unsere Welt ist von einer Wunder-vollen Einzigartigkeit, sie löst in uns Drein eine Faszination aus, die wir mit uns tragen werden auf jedem Schritt, den wir in unseren weiteren Leben gehen werden. Eindrücke die prägen. Vom Siegel der Natur berührt.
Kurz bevor die Sonne hinter die Berge taucht erreichen wir das Dorf Suusamir. Auf unsere Frage hin, ob man hier irgendwo schlafen könne, springt ein junger Mann zu uns ins Auto und führt uns zu einem Eisentor. Dahinter soll es Betten für Gäste geben. Doch es ist niemand da um uns zu öffnen. Ein kurzes Lächeln huscht über das Gesicht des Mannes. Er weißt uns einen anderen Weg, der vor dem Haus seiner Eltern endet. Ein Abend folgt, der dem Tag eine blütenweiße „Smetana“ (Sahne) Haube aufsetzt. Wir trinken gemeinsam Tee, tunken unsere abgerissenen Brotstücke in frische Sahne. Die Mutter kocht für uns, und findet mit ihrem Gericht aus luftgetrocknetem Fleisch Eingang in unser Kochprojekt. Sie erlaubt mir, mit ihr zu melken. Ich gebe mein Bestes und lasse den Kälbchen noch ein wenig Milch übrig. Wir zeigen Filme von unserer Tour, aus Iran und Kasachstan, und tragen auf diese Art ein Stück einer fremden Welt in die Stunden der Nacht. Die Familie ist vollkommen gebannt. Wir sind es auch. Wechselseitig gestatten wir uns Zutritt und Einblick in unsere Leben. Auf die unterschiedlichste Weise. Ja, Sprache hilft, doch sie ist nicht alles. Es schwingt eine Atmosphäre des Miteinanders im Raum, die wie ein Leuchten ist. Erst als wir unsere Augen schließen, wird es dunkel. Im Bett der Eltern, extra für uns geräumt, fallen wir in einen beglückenden Schlaf.
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